Ringvorlesung Wintersemester 2019/2020

Immer länger, immer besser leben? Normenwandel in der alternden Gesellschaft


Unsere Gesellschaft wird nicht zuletzt dank zunehmenden Wohlstands und medizinisch-technischen Fortschritts immer älter. In den letzten hundert Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung um mehr als 30 Jahre gestiegen. Doch führt dies nicht nur zu mehr Lebenszeit, sondern zuweilen auch zu mehr Jahren in Krankheit und mit Einschränkungen. Das hat tiefgreifenden Auswirkungen auf das Gesundheits- und Pflegesystem.

Während Gesundheit bislang in der Regel über die Abwesenheit von Krankheit definiert wurde, treten heute Lebensqualität und Teilhabe in den Vordergrund. Im Gesundheitswesen gewinnen dementsprechend Prävention und Vorsorge zunehmend an Bedeutung. Zugleich wird unsere individuelle Gesundheitsbiografie durch sozioökonomische Faktoren bestimmt, was die Aufmerksamkeit auf weit mehr lenkt als die medizinische Versorgung.

Im Bereich der Pflege steigt der Bedarf an Fachkräften erheblich, während die Pflegemöglichkeiten innerhalb der Familie aufgrund der modernen Lebensverhältnisse abnehmen. Somit steht unsere Gesellschaft vor der Herausforderung, im Sinne der Solidarität neue Pflegepotenziale zu erschließen.

  • Wie können wir die Gesundheit der Menschen fördern und bis ins hohe Alter hinein bewahren?
  • Wie können Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen gewahrt werden?
  • Welche Werte sollen die Gestaltung des Gesundheitswesens leiten?
  • Wie können wir Gerechtigkeit bei der Zuteilung knapper Ressourcen im Gesundheitswesen und damit auch die Verteilung in Gesundheit verbrachter Lebensjahre sicherstellen?
  • Und wie kann es gelingen, für alle eine gute Pflege im Alter sicherzustellen?

    An neun Terminen im Wintersemester 2019/20 gehen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis diesen Fragen nach und präsentieren Debatten, Erfahrungen und Erkenntnisse zur Thematik des längeren Lebens in einer alternden Gesellschaft.

    Datum
    Immer mittwochs, an neun Terminen während des Wintersemesters

    Starttermin
    16.10.2019

    Zeit
    18.00 Uhr s.t. - 19.30 Uhr

    Ort

    Hauptgebäude der Universität zu Köln, Hörsaal XVIII, Albertus-Magnus-Platz, 50923 Köln


    Programm

    16.10.2019

    Gesundheit weiter denken: Gutes Altern auch mit Einschränkungen

    Die in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegene Lebenserwartung und die zunehmende Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche haben Vorstellungen von einem Alter ohne Krankheit und ohne Beeinträchtigungen der sozialen Teilhabe und Leistungsfähigkeit beflügelt. Leitvorstellungen von einem aktiven, produktiven oder erfolgreichen Altern haben in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, negative gesellschaftliche Sichtweisen auf das höhere und sehr hohe Lebensalter aufzubrechen. Zahlreiche neue Perspektiven für die Gestaltung eines sinnerfüllten Lebens bis weit ins Rentenalter hinein wurden entwickelt. Die Vorlesung stellt sich der Frage, wie gut diese neuen positiven Altersbilder auf das sogenannte vierte Lebensalter jenseits des achtzigsten Lebensjahres zutreffen, wenn substanzielle soziale Verluste und gesundheitliche Beeinträchtigungen wahrscheinlicher werden. Wie können Potenziale gefördert und gefordert werden, ohne dass kranke und beeinträchtigte Ältere überfordert oder stigmatisiert werden? Wie könnte vor diesem Hintergrund eine Vision des gelingenden sehr hohen Lebensalters aussehen?

    Leitvorstellungen vom hohen Alter im Realitätscheck: Verlust versus Gewinn oder beides?

    Prof. Dr. Hans Werner Wahl
    Seniorprofessor
    Psychologisches Institut
    Universität Heidelberg | Netzwerk Alternsforschung

     

     

    Anspruch an und Realität des hohen Alters:
    Herausforderungen für die Gegenwart und die Zukunft

    Jürgen Jentsch
    Vorsitzender
    Landesseniorenvertretung Nordrhein-Westfalen

     



    23.10.2019

    Demenz und Selbstbestimmung: Wenn Lebensqualität schwer zu erfragen ist

    Mit der Alterung der Gesellschaft verschiebt sich auch das Spektrum häufig auftretender Krankheiten. So nehmen beispielsweise neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz zu. Das Konzept des Advance Care Planning (ACP) ermöglicht einen intensiveren Austausch zwischen medizinischen und pflegerischen Leistungserbringern und Patienten bzw. Pflegebedürftigen. Dies geschieht mit dem Ziel, die Versorgung und Lebensqualität des Einzelnen in dessen Sinne zu verbessern. Wie lässt sich feststellen, welche Vorstellungen Demenzkranke von Lebensqualität haben? Wie lassen sich diese Vorstellungen in die Versorgung einbringen? Und was lässt sich aus der lokalen ACP-Implementierung in Köln lernen, um die Selbstbestimmung Demenzkranker zu fördern?

    Advance Care Planning als Instrument der Förderung von Selbstbestimmung im Alter

    Dr. Thomas Otten
    Diözesanbeauftragter für Ethik an Einrichtungen des Gesundheitswesens
    Erzbistum Köln

     

    Demenz und Selbstbestimmung –
    Wenn Lebensqualität schwer zu erfragen ist

    Dr. Andrea Kimmel
    Team Pflege
    Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen

     



    30.10.2019

    Altern gestalten: Alternserleben und Gesundheitsverhalten

    „Man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt!“, lautet eine weit verbreitete Redensart. Tatsächlich scheint das subjektiv berichtete Alter nicht nur mit der Lebensqualität, sondern auch mit objektiven Gesundheitsmarkern bis hin zum Versterbensrisiko zusammenzuhängen. Auch wenn es individuell sehr verschieden ist, wie das eigene Altern erlebt und beurteilt wird, können gesellschaftlich geteilte Stereotype über das Alter und der soziale Kontext dabei eine wichtige Rolle spielen. Die Vorlesung beschäftigt sich damit, wie sich ältere Menschen in Bezug auf ihre Gesundheit verhalten, woran sie festmachen, dass sie älter geworden sind und inwiefern diese Erfahrungen für das eigene Gesundheitsverhalten bedeutsam sind. Ist Altern ein Schicksal, mit dem man sich abzufinden hat? Kann Altern bewusst gemacht, gestaltet und für die Lebensplanung genutzt werden?

    Die Einstellung zum Altern als Chance oder Risiko für Gesundheit bis ins hohe Alter

    Vertr. Prof. Dr. Verena Klusmann-Weißkopf
    Arbeitsbereichsleitung Gesundheitswissenschaften
    Institut für Bewegungswissenschaft
    Universität Hamburg

     


    Prävention und Versorgung für ältere Menschen – Lebenswerk oder Kostenfaktor?

    Barbara Steffens
    Leiterin Landesvertretung Nordrhein-Westfalen
    Techniker Krankenkasse

     


    13.11.2019

    Prävention im Alter: Lohnt sich das noch?

    In der Gesellschaft des langen Lebens gewinnt die Prävention an Bedeutung. Von Beginn an soll dafür gesorgt werden, dass das Leben möglichst lang in Gesundheit verbracht werden kann. Bei älteren, bereits mehrfach erkrankten Menschen tritt aber das Ziel der Krankheitsvermeidung in den Hintergrund. Hier muss die Prävention andere Ziele setzen als die medizinische Gesundheit. Selbstständigkeit und Selbstbestimmung sowie Teilhabe und die Erhaltung von Lebensqualität sind leitende Prinzipien. Konkret bedeutet dies z.B. eine Vermeidung oder Verringerung der Pflegebedürftigkeit oder die Verzögerung von Umzügen in Pflegeheime. Welche Maßnahmen liegen vor, um die Potenziale älterer Menschen durch Prävention zu aktivieren und langfristig zu erhalten, ob zuhause oder im Heim? Welche Erkenntnisse lassen sich aus der LUCAS Langzeit-Kohortenaltersstudie ziehen?

    Prävention in der Geriatrie und stationären Pflege

    Prof. Dr. med. Johannes Pantel
    Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin mit Schwerpunkt Psychogeriatrie und klinische Gerontologie
    Institut für Allgemeinmedizin
    Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

     


    Lohnt sich das noch?
    Erkenntnisse der LUCAS Langzeit-Kohortenaltersstudie (2000 bis heute)

    Dr. Ulrike Dapp
    Forschungskoordinatorin
    Albertinen Haus – Zentrum für Geriatrie und Gerontologie

     


    20.11.2019

    Teilhabe durch Technik: Nutzung digitaler Technik im Alter

    Die fortlaufende Digitalisierung und Technisierung der Gesellschaft ändert grundlegend, welche Voraussetzungen und Kenntnisse zur sozialen Teilhabe erforderlich sind. Dies ist dort von besonderer Bedeutung, wo es um den Zugang zu Gesundheitsangeboten geht. Die Nutzung von Gesundheitsapps, das Finden von Informationen mit Hilfe des Internets und viele weitere digitale Anwendungen können die Gesundheit fördern. Die Vorlesung geht der Frage nach, ob der Vorsprung der jüngeren Generation im Umgang mit diesen Technologien zum Nachteil der älteren Generation wird. Welche Möglichkeiten bieten Technologien – richtig konzipiert und eingesetzt –, um die Teilhabe älterer Menschen zu verbessern? Wo bestehen Herausforderungen bei der Gestaltung der Digitalisierung für ältere Menschen?

    Möglichkeiten und Eigenheiten digitaler Teilhabetechnologien für ältere Menschen

    Dr. Peter Biniok
    Freiberuflich tätiger Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter
    Innung SHK Berlin

     


    Praktische Herausforderungen bei der Gestaltung der Digitalisierung für ältere Menschen

    Nicola Röhricht
    Referentin für Digitalisierung und Bildung
    Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V.

     


    27.11.2019

    Chancengleichheit im Gesundheitssystem: Kulturelle und biographische Ungleichheiten erkennen

    In einer alternden Gesellschaft wird der Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf Gesundheit und Gesundheitskompetenz besonders deutlich. Wer wann pflegebedürftig wird und wer seinen Lebensabend wie lange in Gesundheit verbringen kann, ist ungleich verteilt. Das Zusammenwirken kultureller und biographischer Faktoren zeigt sich beispielsweise an der Bevölkerungsgruppe der Migrant*innen, bei der Prognosen auf einen Anstieg der Pflegebedürftigkeit hindeuten. Die interkulturelle Öffnung der Regelversorgung wird auch in den kommenden Jahren intensiv diskutiert werden. Der Umgang mit kultureller Diversität ist für Krankenhäuser in Deutschland Alltag und wichtige Herausforderung zugleich. Am Beispiel LVR-Klinik Köln soll gezeigt werden, welche Nutzen die interkulturelle Öffnung für mehr Chancengleichheit im Gesundheitssystem bieten könnte.

    Zusammenhänge kultureller und biographischer Faktoren mit der Gesundheit

    Prof. Dr. Hajo Zeeb
    Abteilungsleiter der Abteilung Prävention und Evaluation
    Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS)

     


    Interkulturelle Öffnung im Gesundheitswesen am Beispiel der LVR-Klinik Köln

    Dr. Ali Kemal Gün
    Integrationsbeauftragter
    LVR Klinik Köln

     


    04.12.2019

    Von der Privatheit in die Öffentlichkeit: Anerkennung und Unterstützung für pflegende Zugehörige

    Durch den demographischen Wandel steigt der allgemeine Pflegebedarf. Dabei bleibt die Präferenz Pflegebedürftiger konstant, von Angehörigen zuhause gepflegt zu werden. Immer noch leisten vor allem Frauen den Großteil der Pflege. Dadurch sind sie oft nicht nur überproportional beansprucht, sondern auch in Einkommen und Rente benachteiligt. Vor allem die häusliche Betreuung Demenzkranker stellt Angehörige vor große psychosoziale und gesundheitliche Herausforderungen. Welche Möglichkeiten gibt es, um mit diesen Herausforderungen umzugehen? Wie kann eine Gesellschaft pflegenden Angehörigen mehr Unterstützung und Anerkennung für ihr solidarisches Handeln zuzusichern? Wie lassen sich Sorgetätigkeiten besser zwischen den Geschlechtern aufteilen und wie lassen sich Beruf und Familie vereinbaren?

    Die Herausforderungen in der häuslichen Betreuung von Menschen mit Demenz

    Franziska Laporte Uribe, PhD
    Wissenschaftliche Mitarbeiterin
    Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)

     


    Pflegende Angehörige unterstützen und entlasten: Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis

    Dr. Heidemarie Kelleter
    Referentin für Qualitätsberatung
    Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V.
    Bereich Gesundheits-, Alten- und Behindertenhilfe


    11.12.2019

    Spiritualität: Ein selbstverständlicher Begleiter?

    In der öffentlichen Wahrnehmung ist das Bild des hohen Alters häufig geprägt von der Vorstellung einer konventionellen Religiosität bzw. frömmig-christlichen Spiritualität. Gleichsam wird Religiosität im Alter häufig einseitig verkürzt auf die Unterstützung, die sie im Umgang mit existenziellen Fragen wie persönlichen Verlusten oder der Begrenztheit des eigenen Lebens bietet. Die im sehr hohen Lebensalter gemachten existenziellen Erfahrungen führen mitunter aber auch zur Hinterfragung der subjektiven Spiritualitätskonzepte, der eigenen Selbst- und Weltdeutung. Die Vorlesung diskutiert unter anderem auf der Grundlage der Befunde der  Hochaltrigenstudie NRW80+ den Stellenwert von Glaubensvorstellungen und Werthaltungen in der späten Lebensphase. Gemeinsam mit Vertreter*innen der Altenheimseelsorge wird darüber hinaus der Frage nachgegangen, welche Voraussetzungen nötig sind, um Antworten auf existenzielle Lebensfragen zu finden.

    Spiritualität im sehr hohen Alter – mehr als ein Bewältigungsmechanismus?

    Dr. Anna Janhsen
    Referentin für ethische und religiöse Bildung in der Pflege
    Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V.

     


    Spiritualität und Seelsorge im hohen Alter, Bedürfnisse und Angebote im pflegerischen Kontext

    Dr. Peter Bromkamp
    Abteilung Seelsorge
    Erzbischöfliches Generalvikariat Köln

     


    08.01.2020

    Solidarität zwischen den Generationen: Herausforderungen in der Pflege unter Älteren und Pflege durch die Kinder

    Nach wie vor ist die Übernahme von Sorgetätigkeiten innerhalb der Familie ein hohes gesellschaftliches Gut. Die Bereitschaft des Einzelnen, Angehörige zu pflegen, scheint unverändert. Der demographische Wandel beeinflusst jedoch auch die familiäre Pflege. Lebensformen und klassische Pflegekonstellationen verändern sich, weil Frauen vermehrt voll berufstätig sind und Familien kleiner werden. Nur noch selten wohnen alle Familienmitglieder an einem Ort. Dadurch wächst der Druck auf die pflegenden Angehörigen, die häufig auf sich allein gestellt sind, einem Beruf nachgehen und Kinder versorgen müssen. Wie kann einer Überforderung pflegender Angehöriger vorgebeugt und die häusliche Pflege gestärkt werden? Welche Unterstützung sollte die Politik geben, um den Vorrang ambulanter vor stationärer Pflege und Betreuung zu sichern?

    Pflegebedürftig: Wer hilft wie?

    Dr. Lena Dorin
    Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik
    Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V.

     


    Hilfestrukturen für Unterstützer

    Claudia Calero
    Abteilungsleiterin Wissens- und Qualitätsmanagement
    Compass